In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung entwickelt Zambrano für das Kunsthaus Hamburg eine prozessbasierte, ephemere Installation. Von der Decke hängend und auf dem Boden verteilt inszeniert er Objekte, die an seltene Naturalien, wissenschaftliche Instrumente und ethnologische Fundstücke aus fremden Welten erinnern. Organische, amorphe und natürliche Formen bewohnen die Ausstellungshalle, die nun als Teil des Szenarios zu einer Art Experimentierfeld umfunktioniert wurde. Technische Apparaturen ergänzen das eigenwillige Sammelsurium von unterschiedlichen Spezies, die sich in Zeit und Raum auf einem evolutionären Grat zwischen Imitation, Tarnung und Mutation bewegen.

Durch zahllose kleine pyrotechnische Zündungen fallen die an der Decke hängenden Objekte im Laufe der Ausstellungsdauer unvorhersehbar, wie zufällig herab. Prozesshaft ändert sich ihr Platz und durch den Aufprall am Boden teilweise auch ihr morbider Zustand. Es ist, als ob sie sich zu ihrem eigenen Schutz dem Lebensraum anpassen. So findet der Besucher eine sich verändernde, Umgebung vor und begibt sich auf eigene Gefahr in einen Mesokosmos, eine künstlich geschaffene Umwelt, in der er durch präzise Beobachtung die kleinteiligen Objekte untersuchen kann. Er selbst vervollständigt Fauna und Flora als Protagonist. Als Mitspieler auf der Expedition durch den Raum entfaltet sich der spielerische Ansatz des Künstlers, auf den der Ausstellungstitel Special Effeggs anspielt. Humorvoll führt uns der Künstler in die Irre, denn auf den ersten Blick lässt uns die Hochglanzoptik der Objekte auf industrielle Fertigung schließen. Bei genauer Betrachtung erkennt man Alltagsgegenstände, wie die unzähligen Eierkartons, die per Hand durch das Verschachteln zu neuen Gebilden, wie Fossilien oder Waben, zusammengesetzt sind. Mit Zahnseidesticks ausgestattet, lösen diese wiederum durch ihre krallenartige Form weitere Assoziationsketten zu Reptilien, Vögeln und Amphibien aus. So erinnern sie an die Veränderlichkeit von Arten, die immer wieder neue Entwicklungslinien hervorbringen können.

Die stilisierten, teilweise übertrieben exotisch wirkenden Skulpturen sind in einer Rätselhaftigkeit verhaftet und muten wie Beweisstücke aus vergangenen Epochen an. Improvisiert ist ebenfalls die glatte, glänzende Oberfläche, die an Keramikglasur erinnert, hier aber u.a. aus süßem Karamellguss besteht. Ein breites Spektrum an natürlichen Stoffen, Found Footage, elektrischen Transformatoren und industriellen Überresten sind wie in einem Kuriositätenkabinett miteinander verwoben. In Zambranos Installation vermischt sich ironisch das Vokabular des zeitgenössischen, künstlich produzierten Warenfetischismus mit dem naturkundlichen Anschauungsobjekt. Das Massenprodukt des globalen Alltags wird dechiffriert und zu paradoxen Symbiosen neu zusammengesetzt. Durch die Kontextverschiebung hinterfragt Zambrano unsere Konsum- und Unterhaltungskultur und somit auch das westliche Wertesystem. Gleichzeitig äußert er unterschwellig Kritik an der kolonialen Perspektive und verdeutlicht durch die Spielarten der Transformationen, dass Geschichte sowohl aus Wirklichkeit, als auch aus Klischee und Fiktion konstruiert ist.

Der Faktor Zeit wird relativ mit dem Verweis auf vergangenes Leben und in Bezug auf die technischen Spezialeffekte der Jetztzeit. So stehen sich Evolutionsgeschichte und Schnelllebigkeit der Gegenwart gegenüber. Tote und lebendige Materie treffen auch in der großformatigen Videoarbeit aufeinander. In Nahaufnahme kriecht der pulsierende, schleimige Weichkörper einer Schnecke, die ihr Schalengehäuse mit sich trägt, durchs Bild. In ihrer langsamen Fortbewegung stehen die hinterlassene Lebensspur und die Rückzugstendenz fast symbolisch als Warnung vor einer beschleunigten Zukunft.
(von Anna Nowak)

Aus einer Fahrt von zwei Stationen mit der Straßenbahn: „Es hält sich das Gerücht, dass in unserer Nachbarschaft früher oft ein Kind herumlief, das nur sehr leise mit einem geredet hat. Auf die Frage nach dem Grund dieser vermeintlichen Stille, gab es eine Antwort wie in etwa diese: „Ich bin noch jung und klein – und so sind meine Gedanken. Irgendwann dann groß genug für die weite Welt, werden sie sich selbst den Ausschlag in einer angemessenen Lautstärke suchen. Das machen sie heute nicht anders.“ Wir haben nie wieder etwas von dem Kind gehört. Das hatten wir uns dann natürlich schon gedacht, ihr kennt ja das Elternhaus. Aber das behaltet ihr bitte für euch. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Geschichte richtig verstanden haben.“ Sie schrieb viel solches Zeug in ihr Notizbuch, um die vielen zufälligen Aufeinandertreffen, die vielen Fragmente von Gesprächen festzuhalten, die wir tagtäglich vernehmen und dann oft sofort wieder vergessen, heißt es.

„Sie tun so als wäre ihnen alles neu, als wäre alles vergessen, als könnten sie sich keiner Gegenstände bedienen, als sähen sie ihre Freunde, die vor ihnen längslaufen, das erste Mal. Sie haben alles auf’s Spiel gesetzt. Ein Spiel ist es, ja, klar, aber diese Biester haben eine rege Phantasie. Ist sie nicht bezaubernd diese wilde Poesie der Stätte? … Gut. Das hier, das wird ungefähr der Ort sein: das Hoheitsgebiet ihrer Erinnerungen, die ihnen nicht mehr gehören und, wie sie sagen, ihnen auch nicht mehr gehorchen. Das spielt sich hier jeden Sonntag ab. Wir haben also noch ein paar Tage Zeit. Der Auftrag muss bis dahin aber auf jeden Fall fertig werden, es fehlen noch einige Meter Zaun. Die Viecher zahlen schließlich gutes Geld.“

„Oh, guten Tag Herr Kommissar. Ja, natürlich, ich kann mir sehr gut vorstellen, warum Sie hier sind. Und es stimmt, sie ist hier, ich führe Sie gleich hin. Sie sollten wissen, Herr Kommissar, dass sie all die Vergehen vor uns immer suchte zu erklären, als ein Schauspiel und eine ganz menschliche Komödie, die wir alle zu gut kennen und immer wieder vergessen, die wir eines Tages noch verstehen werden, dessen Opfer auch sie selbst war. Witzig fand ich das natürlich nicht, Herr Kommissar. Ich habe das alles ja auch überhaupt nicht verstanden. Und freilich, als wir dann erstmals von den Eskapaden gehört und gelesen haben, hatten wir schon ein wenig Angst vor ihr. Aber was konnten wir machen. Sie hatte doch sonst niemanden. Und zu uns war sie sehr liebenswert. Ich frage mich immer, Herr Kommissar, wer wohl der Wahrheit ihrer Person näherstände, Sie oder wir. Ich würde mir bei einer solchen Entscheidung wahrlich nichts rausnehmen wollen. Aber gut, wir sind da, schauen Sie, dort hinten sitzt sie schon, Herr Kommissar.“ Der Kommissar schloss die Augen und holte tief Luft. Dann ging er durch die Tür. Es war die letzte Nacht vor Svenjas Hochzeit.

Es sind geisterhafte Gestalten, die der Projektor an die Wand wirft; sie wanken, stolpern, schieben sich träge vorwärts, schleichen unbeholfen um einen Stuhl, werfen sich zu Boden. Fast verschmelzen sie mit den Dunkeln der Wand, verschwinden mal für kurze Zeit, mal länger, bis sie mit einem Donnergrollen wieder auftauchen. Ein dichter Soundteppich füllt den Raum, Bässe dröhnen, lassen Wände vibrieren. Immer wieder blitzt ein schleppender Beat auf, immer wieder schwillt die Musik an, um dann wieder leise abzuklingen. Dazu: Seltsame Masken, Verkleidungen, die in einem Nebenraum wie vergessen an der Wand hängen.
"Audition“ heißt die Installation, die Carlos Leon Zambrano da am Dancefloor und in der ehemaligen Garderobe des zum Ausstellungsort umfunktionierten Hamburger Golden Pudel Club zeigt, denn es sind Schauspieler und Schauspielerinnen, die in dem gefundenem Filmmaterial für eine Rolle als Zombies in der Netflix-Serie "The Walking Dead" vorsprechen. So ziehen sie, nur zur Probe, ganz unmaskiert, da für die Kamera wieder und wieder über die Bühne, üben ihre Bewegungen, perfektionieren ihren Gang in einer kollektiven Choreographie aus Genreversatzstücken, in der Hoffnung, als Untoter gecastet zu werden.
Wenn Zambrano das Material nun in der leeren Club-Atmosphäre an die Wand projiziert und mit düsterem Sound unterlegt, und so das schleppende Hinken an der Wand augenzwinkernd zum kontrollierten Tanz erklärt, drängen sich Parallelen zwischen den Filmszenen und den Menschen auf, die hier normalerweise die Tanzfläche füllen und deren Abwesenheit den Club zur unheimlichen Leerstelle macht: Die Verkleidungs– und Rollenspiele im Schutz von Dunkelheit und Musik, die kollektive Verwandlung im Lauf einer Party zur homogenen Menge, die Transformation des Körpers nach stundenlangem Feiern und dem Konsum von Drogen und Alkohol. Der Künstler wird hier zum DJ, der mit seiner Soundcollage aus ihrerseits gesampelten Musik-Schnipseln aus Netflix-Serien seine stummen Protagonistinnen wie in einem endlosen Loop die Nacht durchleben lässt, bis sie wie nur kurz aufblitzende Erinnerungen am nächsten Morgen verschwinden. „Good Morning" heißt es irgendwann in der Soundcollage – der einzige gesprochene Satz der Arbeit. Guten Morgen. Wenn es hell wird, fallen die Masken ab.– Raphael Dillhof

„Seine Frechheit ist wirklich unübertrefflich. Leider habe ich in solchen Situationen nur zu oft die Gewohnheit, plötzlich stillzustehen und mich ganz in mir zu verlieren. Ich beachte dann in Folge einer solchen Exaltation niemanden mehr, sehe und bemerke das Gerede wohl noch, kann aber nicht reagieren, solange ich mich nicht beruhigt habe. Es war vielleicht doch in Ordnung, mich hierhin zu bringen.“ – Ob es ein Limbus oder der von erhebender Ruhe umfriedete Pol schöpferischer Einsamkeit war, das Innehalten in einer fast plastischen Standfestigkeit, die zumindest den Pol seiner konzentrisch sich ausbreitenden Aura bildete, dieser wahrhaft verzauberte Bereich war dem hochmotivierten, aber kürzlich erst eingestellten Praktikanten schlicht nicht einsehbar. Er entschloss sich den Zauberer von weitem andächtig daran zu erinnern, dass seine Show in wenigen Minuten beginne. Mit der Hand auf der Schulter des Praktikanten, die augenblicklich zur Schulter des Christophorus anschwoll, betrat der Zauberer noch rechtzeitig die Bühne. – „Schaffen Sie sich nun ein geeignetes Umfeld, dann können sie gleich damit beginnen, sich von ihren bösen Geistern zu lösen … Wer möchte als nächstes?“ – Das Publikum reagierte nicht und – schwieg für die ganze Länge seines Auftrittes. Es wurde ihm heiß auf der Bühne. Das Publikum starrte ihn an, fixierte damit nicht nur den Zauberer auf seiner Bühne, sondern auch sich selbst in einem für ihn unerreichbaren Jenseits. Diese Reaktion blieb dem Zauberer folglich immer ein Rätsel, er konnte sich zeitlebens nicht davon befreien. Nie wieder hat er öffentlich hypnotisiert. Es ist als wäre er selber nicht mehr aufgewacht. Ein Glück sieht man ihn noch ab und zu bei Rewe.

„Verborgen vor dem alltäglichen Treiben, wurden die dem Heiligen geweihten Teile in hölzernen Behältnissen verwahrt. Haare, Fingernägel und andere abgestorbene Körperteile werden an den Rand einer Phratrie in den Boden eingelassen und mit einer aufliegenden Feuerstelle markiert. Das Feuer wacht hier über die kommenden Götter. Laut Überlieferung verwirklicht sich eine solche Geburt der Götter, eine solche Verwandlung des Toten in das Heilige unter dem Boden und am Rande der Gemeinschaft, nach zehn langen Jahren. Wie aber das zum Leben erwecken, das tot ist? Mit einem Tanz, sagt die Überlieferung, einem Tanz, in dem sich die Kannibalen der gleichen Phratrie den Feuerstellen immer wieder nähern, die Bewegungen des Fötus in einer Gebärmutter nachahmen und damit das Tote nach und nach zum göttlichen Leben erwecken. Mit dem Ende des Tanzes und dem Erlöschen des Feuers kommen dann die neugeborenen Götter zurück in die Gemeinschaft.“ Diese und andere Rituale hatten die Kannibalen für Jahrhunderte in die Geschichtsschreibung lanciert. Heute, nach dem Erlangen ihrer Souveränität, wissen wir zwar, dass sich diese Geschichten mit dem decken, was wir damals etwa als ein außenpolitisches Manöver gekannt oder in anderen Formen ein defensives Wettrüsten genannt haben, aber trotzdem sitzen sie noch heute im Vierer in der S-Bahn meist alleine.

Auf einer kaum lesbaren Tafel eines Dorfmuseums im Himalayagebirge liest sich folgende Geschichte: „Vom 18. bis in das späte 19 Jahrhundert wurde anlässlich des Jahreswechsels, und dem damit verbundenen heiligen Schlaf der Götter, der Wettkampf um das Bezwingen des Berges-Kailast ausgerufen. Teilweise stiegen mehrere Reisende in einen Ballon. Die immer dünner werdende Luft und der oft maßlose Umgang mit Helium ließen die Reisenden erst das Gepäck, dann die rangniederen Mitreisenden abwerfen, bis auch die letzte reisende Person oft selbst kurz vor dem Gipfel sich in den Nebel stürzen musste und ihren siegenden Ballon noch im Fallen am Gipfel des Berges sich vernichten sah. Eine Siegesurkunde aber konnte während des gesamten Zeitraums der heiligen Spiele niemand lebend entgegennehmen. Trotzdem versuchten es die Überlebenden schon im nächsten Jahr erneut.“ Die Originalurkunden mussten wegen Gotteslästerung verbrannt werden. Einige wenige finden sich noch als Faksimile in dem Museum ausgestellt. Einen heiligen Schlaf hat es offiziell seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr gegeben.

„Die besten bleiben draußen, so einer wie du kehrt zurück“ – „Aber Mutter, ich habe mein Augenlicht verloren, ich kann nicht anders.“ – „Das macht mir nichts, ich habe gewusst, dass ich die Ruhe nicht lange genießen werden dürfe. Mach dich an die Arbeit.“ – Das Büro des Kunsthochschulprofessors ist eine alte Durchgangsküche, sein Institut sitzt in einem gut gealterten Arbeiterwohnkomplex. Das Bewusstsein findet sich an trockene Lektüre gekettet. Über den Weg von in seinem Büro verbliebenen Relikten aber übt es sich in Alltagsphantasien. Der Professor hatte sich vor kurzem eine Fassbinder Collection auf DVD gekauft.

Carlos León Zambrano

X

contact@carlosleonzambrano.com

CV

*1986 Caracas, Venezuela
 
2022 Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.
2021 Hamburger Zukunftsstipendien für Bildende Kunst und Literatur.
2020 Stiftung Kunstfonds.
2020 Arbeitsstipendium Hamburg.
2019 Academy of Fine Arts Hamburg, MFA.
2018 DAAD Master Stipendium.
2017 Hiscox Nominierung.
2017 Spector Books Nominierung.
2016 Academy of Fine Arts Hamburg, BFA.
2016 DAAD Bachelor Stipendium.
2015 Freundeskreis der HFBK Stipendium.
2013 Deutschland Stipendium.

Exhibitions

2022 Sammlung Falckenberg / Group Exhibition
2021 Special Effeggs, Kunsthaus Hamburg / Solo Show
2021 Nominees, Kunsthaus Hamburg / Group Exhibition
TextNils Fock
DesignCaspar Reuss
CodeTimo Rychert
© 2026 Carlos León Zambrano, all rights reserved