Am Mittwoch strömte dann die halbe Stadt zum Gericht. Simba, der so beliebte Löwe aus dem Zoo hatte sein Urteil verkündet bekommen. Vor seiner Abführung richtete er sich ein letztes Mal an ihre vielen Besucher:innen: „Sie müssen mich entschuldigen und – bei allem Respekt den ich für Ihre Verärgerung habe – doch bitte auch verstehen: Ich musste mich des Öfteren fragen, wie Sie immer wieder unbeschadet den Weg in den Zoo gefunden haben. Es ist, als seien sie blind für das Alltägliche. Es war unwirklich einfach noch vor Ihren Augen den Mittler zu spielen. Sie haben Tag für Tag tatsächlich geglaubt, ich sei ein Löwe.“ Simba ist sü. sagte ein Kind danach zu ihrer Mutter. Die Mutter sekundierte mit einem jovialen Lächeln. Sie hat das hinreißende Video von der Rede noch am gleichen Abend in‘s Internet gestellt.

Die leeren Bedeutungen der Dinge sind nur die stillen Wächter der Unsichtbarkeit des Alltäglichen – und verhalten sich wie der Körper zum Geist, mit dem der Mensch sich so gerne identifiziert. „Was die einfachsten Dinge angeht, so ist dazu, wie mir scheint, sehr vieles noch zu sagen“ hat mal einer gesagt.

The empty meanings of things are only the silent guards of the invisibility of the everyday - and behave like the body to the spirit, with which man so gladly identifies himself. "As far as the simplest things are concerned, it seems to me that there is still a great deal to be said", someone once said.

Los significados vacíos de las cosas son sólo los guardianes silenciosos de la invisibilidad de lo cotidiano, y se comportan como el cuerpo para el espíritu con el que el hombre se identifica tan fácilmente. "En cuanto a las cosas más sencillas, me parece que todavía hay mucho que decir", dijo alguien una vez.

Auf einer kaum lesbaren Tafel eines Dorfmuseums im Himalayagebirge liest sich folgende Geschichte: „Vom 18. bis in das späte 19 Jahrhundert wurde anlässlich des Jahreswechsels, und dem damit verbundenen heiligen Schlaf der Götter, der Wettkampf um das Bezwingen des Berges-Kailast ausgerufen. Teilweise stiegen mehrere Reisende in einen Ballon. Die immer dünner werdende Luft und der oft maßlose Umgang mit Helium ließen die Reisenden erst das Gepäck, dann die rangniederen Mitreisenden abwerfen, bis auch die letzte reisende Person oft selbst kurz vor dem Gipfel sich in den Nebel stürzen musste und ihren siegenden Ballon noch im Fallen am Gipfel des Berges sich vernichten sah. Eine Siegesurkunde aber konnte während des gesamten Zeitraums der heiligen Spiele niemand lebend entgegennehmen. Trotzdem versuchten es die Überlebenden schon im nächsten Jahr erneut.“ Die Originalurkunden mussten wegen Gotteslästerung verbrannt werden. Einige wenige finden sich noch als Faksimile in dem Museum ausgestellt. Einen heiligen Schlaf hat es offiziell seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr gegeben.

Ihr Gähnen löschte das Kerzenlicht. Die Bedienung räumt den Tisch ab. Dann blieben sie noch einen Moment im Dunklen sitzen.

Aus den endlich veröffentlichten Tagebüchern werfen folgende Worte ein lang ersehntes Schlaglicht
auf sein noch unerforschtes Spätwerk:
„Bloßer Frust ist die Blume,
siegreich schon und siegreich noch,
bei jedem Kampfesende,
für allen Sieg und allen Verlust,
und das Wort wird dem,
der seinem Ernst entsagt,
dann eines Tages,
ein dunkler Sehnsuchtsort.“

Gefunden in den Schlagzeilen und Bildern des Tages: „Ein Nobelpreisträger für Literatur verkündet viel bejubelt vor einem festlichen Publikum, dass er gar nicht schreiben könne.“

„Verborgen vor dem alltäglichen Treiben, wurden die dem Heiligen geweihten Teile in hölzernen Behältnissen verwahrt. Haare, Fingernägel und andere abgestorbene Körperteile werden an den Rand einer Phratrie in den Boden eingelassen und mit einer aufliegenden Feuerstelle markiert. Das Feuer wacht hier über die kommenden Götter. Laut Überlieferung verwirklicht sich eine solche Geburt der Götter, eine solche Verwandlung des Toten in das Heilige unter dem Boden und am Rande der Gemeinschaft, nach zehn langen Jahren. Wie aber das zum Leben erwecken, das tot ist? Mit einem Tanz, sagt die Überlieferung, einem Tanz, in dem sich die Kannibalen der gleichen Phratrie den Feuerstellen immer wieder nähern, die Bewegungen des Fötus in einer Gebärmutter nachahmen und damit das Tote nach und nach zum göttlichen Leben erwecken. Mit dem Ende des Tanzes und dem Erlöschen des Feuers kommen dann die neugeborenen Götter zurück in die Gemeinschaft.“ Diese und andere Rituale hatten die Kannibalen für Jahrhunderte in die Geschichtsschreibung lanciert. Heute, nach dem Erlangen ihrer Souveränität, wissen wir zwar, dass sich diese Geschichten mit dem decken, was wir damals etwa als ein außenpolitisches Manöver gekannt oder in anderen Formen ein defensives Wettrüsten genannt haben, aber trotzdem sitzen sie noch heute im Vierer in der S-Bahn meist alleine.

„Seine Frechheit ist wirklich unübertrefflich. Leider habe ich in solchen Situationen nur zu oft die Gewohnheit, plötzlich stillzustehen und mich ganz in mir zu verlieren. Ich beachte dann in Folge einer solchen Exaltation niemanden mehr, sehe und bemerke das Gerede wohl noch, kann aber nicht reagieren, solange ich mich nicht beruhigt habe. Es war vielleicht doch in Ordnung, mich hierhin zu bringen.“ – Ob es ein Limbus oder der von erhebender Ruhe umfriedete Pol schöpferischer Einsamkeit war, das Innehalten in einer fast plastischen Standfestigkeit, die zumindest den Pol seiner konzentrisch sich ausbreitenden Aura bildete, dieser wahrhaft verzauberte Bereich war dem hochmotivierten, aber kürzlich erst eingestellten Praktikanten schlicht nicht einsehbar. Er entschloss sich den Zauberer von weitem andächtig daran zu erinnern, dass seine Show in wenigen Minuten beginne. Mit der Hand auf der Schulter des Praktikanten, die augenblicklich zur Schulter des Christophorus anschwoll, betrat der Zauberer noch rechtzeitig die Bühne. – „Schaffen Sie sich nun ein geeignetes Umfeld, dann können sie gleich damit beginnen, sich von ihren bösen Geistern zu lösen … Wer möchte als nächstes?“ – Das Publikum reagierte nicht und – schwieg für die ganze Länge seines Auftrittes. Es wurde ihm heiß auf der Bühne. Das Publikum starrte ihn an, fixierte damit nicht nur den Zauberer auf seiner Bühne, sondern auch sich selbst in einem für ihn unerreichbaren Jenseits. Diese Reaktion blieb dem Zauberer folglich immer ein Rätsel, er konnte sich zeitlebens nicht davon befreien. Nie wieder hat er öffentlich hypnotisiert. Es ist als wäre er selber nicht mehr aufgewacht. Ein Glück sieht man ihn noch ab und zu bei Rewe.

„Oh, guten Tag Herr Kommissar. Ja, natürlich, ich kann mir sehr gut vorstellen, warum Sie hier sind. Und es stimmt, sie ist hier, ich führe Sie gleich hin. Sie sollten wissen, Herr Kommissar, dass sie all die Vergehen vor uns immer suchte zu erklären, als ein Schauspiel und eine ganz menschliche Komödie, die wir alle zu gut kennen und immer wieder vergessen, die wir eines Tages noch verstehen werden, dessen Opfer auch sie selbst war. Witzig fand ich das natürlich nicht, Herr Kommissar. Ich habe das alles ja auch überhaupt nicht verstanden. Und freilich, als wir dann erstmals von den Eskapaden gehört und gelesen haben, hatten wir schon ein wenig Angst vor ihr. Aber was konnten wir machen. Sie hatte doch sonst niemanden. Und zu uns war sie sehr liebenswert. Ich frage mich immer, Herr Kommissar, wer wohl der Wahrheit ihrer Person näherstände, Sie oder wir. Ich würde mir bei einer solchen Entscheidung wahrlich nichts rausnehmen wollen. Aber gut, wir sind da, schauen Sie, dort hinten sitzt sie schon, Herr Kommissar.“ Der Kommissar schloss die Augen und holte tief Luft. Dann ging er durch die Tür. Es war die letzte Nacht vor Svenjas Hochzeit.

„Sie tun so als wäre ihnen alles neu, als wäre alles vergessen, als könnten sie sich keiner Gegenstände bedienen, als sähen sie ihre Freunde, die vor ihnen längslaufen, das erste Mal. Sie haben alles auf’s Spiel gesetzt. Ein Spiel ist es, ja, klar, aber diese Biester haben eine rege Phantasie. Ist sie nicht bezaubernd diese wilde Poesie der Stätte? … Gut. Das hier, das wird ungefähr der Ort sein: das Hoheitsgebiet ihrer Erinnerungen, die ihnen nicht mehr gehören und, wie sie sagen, ihnen auch nicht mehr gehorchen. Das spielt sich hier jeden Sonntag ab. Wir haben also noch ein paar Tage Zeit. Der Auftrag muss bis dahin aber auf jeden Fall fertig werden, es fehlen noch einige Meter Zaun. Die Viecher zahlen schließlich gutes Geld.“

„Die besten bleiben draußen, so einer wie du kehrt zurück“ – „Aber Mutter, ich habe mein Augenlicht verloren, ich kann nicht anders.“ – „Das macht mir nichts, ich habe gewusst, dass ich die Ruhe nicht lange genießen werden dürfe. Mach dich an die Arbeit.“ – Das Büro des Kunsthochschulprofessors ist eine alte Durchgangsküche, sein Institut sitzt in einem gut gealterten Arbeiterwohnkomplex. Das Bewusstsein findet sich an trockene Lektüre gekettet. Über den Weg von in seinem Büro verbliebenen Relikten aber übt es sich in Alltagsphantasien. Der Professor hatte sich vor kurzem eine Fassbinder Collection auf DVD gekauft.

Carlos León Zambrano

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CV

*1989 Caracas, Venezuela
 
2020 Stiftung Kunstfonds
2020 Arbeitsstipendium Hamburg
2019 Academy of Fine Arts Hamburg, MFA
2018 DAAD Master Stipendium
2017 Hiscox Nominierung
2017 Spector Books Nominierung
2016 Academy of Fine Arts Hamburg, BFA
2016 DAAD Bachelor Stipendium
2015 Freundeskreis der HFBK Stipendium
2013 Deutschland Stipendium

Exhibitions

2021 Special Effeggs, Kunsthaus Hamburg
TextNils Fock
DesignCaspar Reuss
CodeTimo Rychert
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